Die Kleinkraftwerke und die Großkonzerne
Mai 28th 2009 09:07 am
Eine dezentrale Stromversorgung mit Hilfe von Ökostrom-Kleinkraftwerken und Nachbarschaftsnetzen stellt für viele unabhängige Energieexperten die Zukunft dar. Die Energiekonzerne versuchen jedoch, diese Entwicklung mit allen Mitteln zu bremsen – denn sie gefährdet ihre Macht.
Bislang läuft der Großteil der Stromversorgung deutscher Verbraucher über den Strom, der in Großkraftwerken produziert und über ein riesiges Leitungsnetz zu den Zielsteckdosen transportiert wird. Die Kontrolle über diese zentralisierte Stromerzeugung und -Verbreitung liegt zu großen Anteilen in den Händen der vier hierzulande aktiven Energieriesen. Die Abhängigkeit der Kunden von ihrem Strom sichert ihnen ihre Macht – diese Kausalkette ist jedoch mittelfristig in Gefahr. Zwar stellen sich die Konzerne auf den derzeitigen Trend hin zu mehr Ökostrom und Umweltbewusstsein ein, jedoch entscheiden sich immer mehr Bürger nicht nur für einen Ökostrom-Tarif, sondern produzieren zu Hause ihren eigenen Strom. Mit einer Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach oder einem Stirling-Motor im Keller wird sich schrittweise von den großen Versorgern unabhängig gemacht – und je effektiver und moderner diese Anlagen werden, desto mehr attraktiver wird die Alternative dieser dezentralen Versorgung.
Große Sparmöglichkeiten
Experten sehen in der Dezentralisierung eine große Chance zur Umstrukturierung der Stromversorgung. Schon in wenigen Jahren könnten kleinere, umweltfreundliche Kraftwerke ein oder mehrere Wohneinheiten weitestgehend autark versorgen. Dank der modernen Technik, die in Kleinkraftwerken eingesetzt werden kann, kann die Stromlieferung individuell auf jeden Haushalt abgestimmt werden und das reguläre Stromnetz nur bei Bedarf mit angezapft werden. Somit würden lange Lieferwege für große Mengen Strom überflüssig, was eine erhebliche Kostenersparnis mit sich zöge. Aber vor allem auch der Verbrauch selbst könnte beim flächendeckenden Einsatz modernster dezentraler Technologie bis 2020 um 40 Prozent gesenkt werden, wie die von der Steria Mummert Consulting AG durchgeführte Studie “Zukunftsfaktoren 2020″ offenlegt. Würde dagegen weitergemacht wie bislang, würde der Stromverbrauch um 60 Prozent ansteigen – hier wird die Notwendigkeit der Weiterentwicklung sehr deutlich.
Beschuss von oben
Diese Notwendigkeit sehen die großen Energiekonzerne freilich nicht – denn der eigenständige Betrieb von kleinen Ökostrom-Anlagen würde die Bedeutung ihrer Kraftwerke deutlich schmälern und ihren Hauptgeschäftszweig wegbrechen lassen. Zwar könnten sich die Konzerne auch auf diese Entwicklung mehr oder weniger einstellen, jedoch sehen sie trotzdem ihre Macht in Gefahr und versuchen daher, die Entwicklung der Dezentralisierung zu blockieren. Wie die “Welt” berichtet, beschloss der Elektrotechnik-Verband VDE jüngst eine neue Regelung, die Fotovoltaik-Anlagen und andere Heimkraftwerke geradezu unrentabel machen könnte. Das Expertengremium, dass diese Entscheidung fällte, habe dabei unter der Leitung eines RWE-Managers gestanden. Die Experten veranlassten, neue “Technische Anschlussbedingungen für kleine Stromerzeugungsanlagen” durchzusetzen, die Besitzer solcher Anlagen zwingen, einen zusätzlichen Stromzähler nicht mehr wie bisher direkt am Gerät, sondern am “zentralen Zählerplatz” zu installieren. Die dadurch notwendigen Kabelverlegungsarbeiten könnten leicht auch das Aufreißen und Verschließen von Wänden und andere Hindernisse mit sich bringen, die am Ende zu Mehrkosten von durchaus 1.500 Euro führen könnten. Der zusätzliche Kosten- und Arbeitsaufwand mache die Anlagen unattraktiv und in vielen Fällen nicht mehr rentabel für die Besitzer, kritisierten Industrieverbände die Entscheidung. Generell warfen sie der VDE vor, zu stark die Interessen der Energiekonzerne zu vertreten – was angesichts der Gremienleitung durchaus angebracht erscheint.
Falls eine klimafreundliche, unabhängige und sparsame Stromversorgung in Deutschland langfristig realisiert werden soll, müsste auch von Seiten der Politik dafür gesorgt werden, dass die Dezentralisierung nicht von der Wirtschaft oder anderen Interessengruppen blockiert werden könne, so der Appell.